Normalität im "Förderschwerpunkt Emotionale und Soziale Entwicklung" - Dissertationsprojekt zu Normalitäts- und Differenzkonstruktionen angehender Lehrkräfte
Projektdauer:
01.01.23 bis 31.12.26
Kurzinhalt:
Die Schule (re-)produziert als Sozialisationsinstanz gesellschaftliche Wirklichkeit und gesellschaftliches Wissen mitsamt hegemonialer Normalitäts- und Differenzvorstellungen. Der Disziplin der Sonderpädagogik kommt dabei eine besondere Rolle zu: Sie ist, neben vielen weiteren Aufgabenbereichen, für pädagogische Diagnostik zur Überprüfung und Feststellung eines sonderpädagogischen Förderbedarfs zuständig – und damit für die Einschätzung ‚normal‘ vs. ‚abweichend, förderbedürftig, im Bildungsprozess behindert‘ oder auch „un/genügend fähig“ (Merl, 2018). Diese kann zwar einerseits wichtige zusätzliche Ressourcen legitimieren und aktivieren, stellt aber gleichzeitig auch eine (institutionalisierte) Praktik der Selektion und Veranderung von Kindern und Jugendlichen dar (Walgenbach, 2015). Mit Blick auf den „Förderschwerpunkt Emotionale und Soziale Entwicklung“ besteht zudem die Besonderheit, dass sich die angenommenen Differenzen auf Konstrukte wie die Psyche, das Affekterleben oder die Beziehungsgestaltung, also auf innere Prozesse von jungen Menschen in hochbelasteten Lebenssituationen, beziehen. Sichtbar werden sie höchstens durch situativ nach außen gezeigtes Verhalten. Weicht dieses (zu sehr) von der ‚Normalität‘ und den Erwartungen des entsprechenden (vor-)schulischen Settings ab, so erfolgt häufig eine psychologische oder psychiatrische Konzeptionalisierung. Relevant erscheinen daher nicht nur die gesellschaftlichen Vorstellungen der ‚normalen‘ kindlichen Entwicklung und Erziehung (z.B. von Stechow, 2004; Kelle & Tervooren, 2008), sondern insbesondere auch die Differenz- und Normalitätsvorstellungen derjenigen Personen, die im pädagogischen System die „Macht der Unterscheidung“ (Neckel, 2000) innehaben, „bedeutungsvolle Entscheidungen [vornehmen]“ (Gottuck, 2019, S. 99) und (sonderpädagogisch) diagnostizierend tätig werden.
Im Zentrum des Dissertationsprojekts stehen daher die Normalitäts- und Differenzkonstruktionen angehender Lehrkräfte im „Förderschwerpunkt Emotionale und Soziale Entwicklung“ (FSP ESE). Um einen Einblick in deren Deutungsweisen und Interpretationen erhalten zu können, fungieren zunächst leitfadengestützte Interviews als Ausgangspunkt der Datenproduktion. Orientiert am Forschungsstil der Reflexiven Grounded Theory wird die Forschung – von prozessbezogenen Entscheidungen bis hin zum Erkenntnis-Prozess – fortwährend selbstreflexiv begleitet. Ziel des Forschungsvorhabens ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Normalitätsvorstellungen und Differenzkonstruktionen angehender Lehrkräfte sowie den diesbezüglich zugrunde liegenden Wissensordnungen zu generieren.